Definition
Gradierung ist der Weg von einem freigegebenen Schnitt zur kompletten Größenreihe, von XS bis 4XL, indem einzelne Punkte des Schnitts um gemessene Werte verschoben werden. Deshalb wirkt ein Hoodie in L wie derselbe Hoodie in S und nicht wie eine in die Länge gezogene Kopie. Läuft es schief, passt das Teil nur der Person, die das Muster anprobiert hat.
Definition
Gradierung startet beim Grundschnitt in der Mustergröße, meist M oder Größe 40, und vergrößert oder verkleinert ihn in alle übrigen Größen. Möglich machen das die Gradierregeln: Sie geben jedem Punkt des Schnitts vor, wie weit er pro Größensprung waagerecht und senkrecht wandert. Brustpunkte bewegen sich stärker als Halspunkte. Die Weite wächst schneller als die Länge. Die Silhouette bleibt, nur die Maße ändern sich.
Ein konkretes Beispiel. Ein Rundhals-Sweatshirt wird in Größe M mit 108 cm Brustumfang konstruiert. Die Gradierregel addiert pro Größe 5 cm Brustumfang, 2 cm Körperlänge und 1 cm Ärmellänge. L landet bei 113 cm, XL bei 118 cm. Der Halsausschnitt wächst nur um rund 0,5 cm pro Größe, denn wer zwei Größen größer ist, hat keinen doppelt so großen Kopf. Genau diese ungleiche Bewegung ist der Kern der Sache. Denselben Schnitt im Designtool um fünf Prozent zu skalieren, ergibt ein 4XL mit einem Ausschnitt, der von der Schulter rutscht.
Wie Gradierung funktioniert
Die Schnittmacherin setzt Gradierpunkte dort, wo die Passform entsteht: Schulterpunkt, Armlochkerbe, Seitennaht auf Brust- und Saumhöhe, Halsausschnitt, Ärmelkugel und Bündchen. Jeder Punkt bekommt pro Größensprung einen X- und einen Y-Wert. Werden diese Werte angewendet, wächst das Schnittteil kontrolliert nach außen. Legt man alle Größen übereinander, entsteht ein Nest, der aufgefächerte Satz an Konturlinien. Daran erkennst du auf einen Blick, ob die Gradierung sauber ist. Kreuzen oder verklumpen die Linien am Armloch, steckt das Passformproblem bereits in der Kiste mit 300 Sweatshirts.
Gradierregeln bleiben selten über die ganze Reihe konstant. Die meisten Teile arbeiten mit Sprungwechseln, sodass sich die Zugabe an den Enden ändert. Ein Shirt wächst von S bis L vielleicht um 4 cm Brustumfang pro Größe und ab XL um 6 cm, weil größere Körper stärker im Umfang als in der Höhe variieren. Deshalb werden große Größen häufig neu konstruiert statt gradiert. Zieht man einen 2XL-Schnitt mechanisch zwei Schritte weiter, kommt ein 4XL heraus, dessen Körper zum Kleid taugt und dessen Ärmel das Handgelenk verfehlen. Damen-, Herren- und Unisex-Teile gehen aus demselben Grund von getrennten Grundschnitten aus: Die Schritte unterscheiden sich dort, wo sich die Körper unterscheiden.
In der Produktion definiert die Gradierung die Nennmaße, den Rest deckt die Toleranz ab. Üblich sind etwa 1 cm Abweichung bei Brustumfang und Länge, eine gradierte Größentabelle ist also ein Zielwert und kein Versprechen auf Millimeter. Das Materialverhalten spielt überall hinein. Schwerer Baumwollfleece schrumpft stärker als leichter Jersey, deshalb wird auf Fertigmaße nach der Wäsche gerechnet und der Schneideschnitt bekommt zusätzlich eine Schrumpfzugabe. Sind die Größen gradiert, wandern sie in den Schnittplan, und der Größenmix in diesem Plan entscheidet darüber, wie viel Stoff im Abfall landet.
Gradierung im branded Merch
- Ein Kleidungsstück für ein verteiltes Team. Ein Firmen-Hoodie von XS bis 4XL funktioniert nur, wenn die Gradierung auch an den Rändern hält. Dann schwimmt die Person in XS nicht im Armloch, die Person in 4XL zieht nicht den ganzen Tag am Saum, und beide erkennen dasselbe Produkt.
- Druckplatzierung über die Größenreihe. Ein Logo 7 cm unter dem Kragen sitzt auf M mittig und auf 3XL verloren am Hals. Die Gradierung erzwingt eine Entscheidung: eine feste Platzierung oder Regeln pro Größengruppe, bei denen S bis L anders gedruckt wird als XL aufwärts. Das Sieb bleibt meist gleich, nur der Ankerpunkt verschiebt sich.
- Größenverteilung und Nachbestellung. Erst eine gradierte Reihe macht eine Größenkurve möglich. Bestelle nach echten Kopfzahlen, lege die mittleren Größen tiefer ein und halte die Randgrößen verfügbar, damit niemand in 3XL ein XL bekommt und sich damit arrangieren soll.
Gradierung ist die Technik, einen Schnitt aus einer einzigen Mustergröße mit gemessenen, ungleichmäßigen Schritten, den Gradierregeln, in eine vollständige Größenreihe zu überführen.
5 Tipps, um Ihre Gradierung-Strategie zu verbessern
| Tipp | Schritte |
|---|---|
| Größentabelle mit Toleranzen anfordern | Nennmaße allein sagen wenig. Frag vor der Freigabe nach der zulässigen Abweichung je Messpunkt. |
| Die Extreme testen, nicht die Mitte | Bestelle Muster in der kleinsten und der größten geplanten Größe. M passt immer. Bei 3XL bricht die Gradierung. |
| Druckplatzierung pro Größengruppe festlegen | Definiere eine Platzierung für S bis L und eine zweite ab XL. Ein einziges festes Maß sieht an einem Ende der Reihe immer falsch aus. |
| Prüfen, ob große Größen gradiert oder neu konstruiert sind | Alles über 2XL gehört aus einem eigenen Grundschnitt neu konstruiert. Frag nach. Ein mechanisch hochgezogenes 4XL sitzt wie ein Zelt. |
| Nach dem Schrumpf gradieren, nicht davor | Lass dir bestätigen, dass die Tabelle Maße nach der Wäsche zeigt. Sonst fällt jedes Teil nach dem ersten Waschgang eine Größe kleiner aus. |
Wichtige Begriffe
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Gradierung und Skalierung?
Skalieren vergrößert jeden Teil eines Schnitts um denselben Prozentsatz. Gradieren verschiebt jeden Punkt um seinen eigenen gemessenen Wert, sodass die Brust pro Größe mehrere Zentimeter zulegt und der Hals einen halben. Ein skalierter Schnitt liefert Größen, die es auf dem Papier gibt und die niemand tragen kann.
Wie stark wächst ein Kleidungsstück pro Größe?
Bei Oberteilen für Erwachsene sind es rund 4 bis 5 cm Brustumfang, 2 cm Körperlänge und 1 bis 1,5 cm Ärmellänge je Größensprung. Am oberen Ende der Reihe werden diese Schritte meist größer, weil größere Körper stärker im Umfang als in der Höhe abweichen.
Ändert die Gradierung die Größe des Drucks auf einem T-Shirt?
In der Regel nicht. Dasselbe Sieb druckt dasselbe Motiv auf jede Größe, ein Logo ist auf S und 3XL identisch. Was sich ändert, ist die Position, und genau deshalb wird sie pro Größengruppe definiert statt als ein festes Maß für die gesamte Reihe.
Warum sitzen XS und 3XL oft schlechter als M?
Weil sie am weitesten von der Mustergröße entfernt liegen, in der der Schnitt konstruiert wurde, sodass sich kleine Fehler der Gradierregel mit jedem Schritt aufsummieren. Große Größen brauchen zudem Proportionen, die eine lineare Gradierung nicht liefert, deshalb konstruiert man sie besser neu.
Brauche ich Gradierung, wenn ich Lagerware bestelle?
Nein, Blanks kommen bereits gradiert vom Hersteller. Trotzdem bleibt das Thema für dich als Einkäufer relevant, denn es erklärt, warum sich die Größentabelle einer Marke so verhält, wie sie es tut, und warum dieselbe Nenngröße bei zwei Herstellern anders sitzt.







